
Drei Löffel Zucker. Richtig süss muss er sein, der Kaffee. So mag sie ihn am liebsten. Und Schwarz. Milch trinkt sie keine mehr seit sie in der dritten Klasse mal aus Versehen saure Milch getrunken hat. Sie trinkt hastig ihren Kaffee um den Bus nicht zu verpassen.
Ihre Mutter gibt ihr die Brote mit. Vom Fenster aus sieht sie ihrer Tochter zu wie sie zur Bushaltestelle geht und auf den Bus wartet. Wie jeden Morgen. Sie hat sich das irgendwie nie abgewöhnt. Seit sie in den Kindergarten geht, steht sie jeden Morgen an diesem Fenster und sieht ihrer Tochter zu, wie sie sich auf den Weg macht, bis sie sie nicht mehr sieht. Danach kann sie sich beruhigt um den Haushalt kümmern.
Wie ihre Mutter, so sieht auch sie jeden Morgen aus dem Fenster. Mit apathischem Blick starrt sie die vorbeiziehenden Häuser und Strassen an und findet sich in ihrer Gedankenwelt wieder. Oft denkt sie an alte Kindheitstage zurück. Wie sie als kleines Mädchen immer alle für ihr Engelshaar beneidet haben. Oder damals als sie ein Loch im Kopf hatte, nach einer Prügelei mit einem Jungen aus dem Quartier. Und wie sie danach ihre Mutter zum Friseur brachte um das Loch zu kaschieren. Die Friseurin starb kurz danach. Das wird sie nie vergessen.
Bis zu ihrem elften oder zwölften Lebensjahr mochte sie keine Jungs. Sie wollte nie mit ihnen spielen. Sie erinnert sich, dass sie einmal von einem Jungen aus dem Kindergarten gefragt wurde, ob sie am Nachmittag mit ihm spielen will. Und sie erinnert sich daran wie sie nicht wusste was sie sagen sollte und ihn einfach stehen liess und davon lief. In der Gegenwart von Jungs fühlte sie sich nicht wohl. Sie fand sie irgendwie – seltsam. Der einzige Kontakt mit ihnen in ihren Kindheitsjahren belief sich auf einige Zankereien auf dem Spielplatz und später darauf, ihnen zu entkommen, wenn sie sie im Auftrag des beliebtesten Mädchens der Schule verprügeln sollten.
Sie verstand nie wieso die Jungs diesem Mädchen hörig waren. Es erschien ihr lächerlich, wie sie sich für sie verbiegen und nach ihrer Pfeiffe tanzten. Und den Grund für den Hass ihr gegenüber verstand sie erst recht nicht. Sie hatte ihr doch nichts getan.
Wenn sie an diesem Punkt der Erinnerung angekommen ist, versucht sie sich an schönere Tage zu erinnern. Sie liess sich ihre innere Unruhe kaum anmerken. Sie war ein lautes Kind. Sie war eine Entertainerin, stand gerne im Mittelpunkt. Sie muss jedes Mal schmunzeln, wenn sie daran denkt, dass sie in der zweiten Klasse die Lehrerin fragte ob sie Ihren Mitschülern etwas vorzeigen dürfe und zum Kasettenrekorder ging, David Hasselhof`s „Looking for Freedom“ einlegte und vor der Wandtafel eine Mini Playback Show zum Besten gab. Sie hatte ein gutes Händchen sich zum Affen zu machen. Diese Eigenschaft sollte sie auch Jahre später nicht verlieren. Aber es verlieh ihr etwas selbstironisches. Eine gewisse Leichtigkeit das Leben nicht so streng zu nehmen.
Doch an diesem Morgen im Bus, da war alles anders. Sie musste nicht lachen über diese Erinnerung. Sie wurde auch nicht traurig über die negativen Erinnerungen. Sie war nahezu Gefühlslos. Ihr Blick war leer. Ihre Augen müde. Ihr ganzer Körper schien in eine Art stand-by-Modus zu verfallen. Alles wurde schwer. Oder leicht? Sie weiss es nicht. Ihre Gedanken werden ihr zur Last. Sie kann sie nicht mehr einordnen, nicht mehr aneinander reihen. Plötzlich ist da Angst. Der Bus soll anhalten. Haltet den Bus an! Schreit sie. Meint sie. Doch in Wirklichkeit gibt sie kein Laut von sich, sitzt benommen auf ihrem Sitz. Haltet den verdammten Bus an! Sie hat nicht die Kraft ihren Mund zu öffnen. Immer noch starrt sie aus dem Fenster als der Bus an einer roten Ampel hält. Wut keimt in ihr auf. Stechende, brennende Wut. Kraft strömt durch ihren Körper. Adrenalin. Ihr Kopf läuft rot an, droht zu platzen. Mit einem Satz springt sie auf und hechtet durch das Fenster. Scherben. Blut. Hupen. Sie rafft sich vom Boden auf und beginnt zu rennen. So schnell sie kann. Sie rennt und zieht ihre Jacke aus, wirft sie zu Boden. Streift ihren Rock runter, stolpert, rennt weiter. Sie rennt, entledigt sich währenddessen all ihrer Kleider. Muss den Ballast loswerden. Alles zurück lassen. Nur Sie. Sie allein. Sie rennt. Rennt um Ihr Leben.
vertraute bilder in schönen worten. danke.
AntwortenLöschenhttp://doyoudconstruct.tumblr.com