Ich sitze in einem Internetcafe am Istanbuler Otogar. In etwa zwei Stunden geht mein Bus nach Sofia. Wenn ich auf etwas keine Lust habe momentan, dann ist es, wiesoll ich sagen, nun ja: SOFIA! Da kann man sich natuerlich nun fragen, was kauft sich die Alte n Ticket nach Sofia wenn die da eigentlich gar nicht hin will. Das ganze ist etwas kompliziert was widerum bei mir nichts sonderlich Aussergewoehnliches ist, das mit dem kompliziert meine ich.
Ich will wiedermal Alles und nichts. Ich will ueberall sein und nirgends. Ich will frei sein und suche dennoch Naehe. Ich will alles aufsaugen, alles erleben und erfahren aber doch nichts an mich heran lassen. Kurz: Ich hab heftig einen an der Klatsche. Eins am Sender. Ne Meise. Nein ich bin nicht betrunken! Im Gegenteil, ich hatte noch nicht mal ein einziges Bier heute. Ich bin nur ganz normal gestoert. Aber jetzt mal von vorn.
Wie viele wissen, ist Istanbul mein Mekka. Mein Zufluchtsort. Mein Heiligtum und mein Herz. Ich liebe diese Stadt wie keine Andere. Sie ist fuer mich die Eine. Jetzt zum Beispiel, groesste Hektik und Geschrei hier am Otogar, das Gebet ertoent, ich fuehle Frieden und Geborgenheit. Es hat etwas so friedvolles wie die Stimmen aus den Minaretten erklingen. Wie auch etwa die kurdischen Klagelieder vermitteln mir die Gebete wenn sie so schoen langgezogen werden eine Art inneren Frieden. Momentan ist Ramadan und desswegen eine besonders schoene Zeit in Istanbul. Da bis vor Sonnenuntergang nicht gegessen werden darf versammeln sich nach Einbruch der Dunkelheit ganze Familiensippen zum Picknik um die Hagia Sofia. Die Stimmung ist so friedvoll, man moechte sich sofort dazu setzen.
Wenn ich jetzt noch darueber schreibe fuehl ich mich gerade doppeld dumm das alles schon so frueh wieder zu verlassen. Aber wie gesagt ich bin im Klinsch.
Eigentlich wollte ich ja Ende August zurueck auf mein geliebtes Schiff, auf welchem ich im Juni so zu sagen die Zeit meines Lebens verbracht habe. Doch dann kam wieder die Sehnsucht nach Istanbul, meiner Liebsten. Ich wollte Sie unbedingt dieses Jahr noch sehen, zu gross war das Verlangen. Also beschloss ich von Istanbul nach Split zu reisen. Die ganze Zeit schon schmiede ich Plaene um sie dann wieder zu verwerfen, wer mich kennt, der weiss, das ich ganze Aktenschraenke mit Plaenen vorweisen koennte welche ich nur dazu erstellt habe um sie danach wieder zu verwerfen. Das selbe gilt fuer Vorsaetze, Regeln, Berufswuensche und so weiter. Sie dienen hauptsaechlich der Beschaeftigung meiner selbst und dem Selbsttrug sich vorzuspielen seine Zeit sinvoll zu gestalten. Aber Plaene sind auch etwas fuer Langweiler. Wenn etwas schon zu fest geplant ist und die Spontanitatet auf der Strecke bleibt schlaeft mir das Gesicht ein. Desswegen muss man da eben manchmal etwas vom Weg abweichen um wieder Spannung ins Spiel zu bringen. Man steigt beispielsweise einfach mal Hals ueber Kopf in einen Bus nach Kroatien oder man buche mal aus lauter Panik vor Naehe und Langeweile ein Ticket nach Sofia. Aus Istanbul versteht sich. Der schoensten Stadt der Welt.
Nun gut, ich hatte schon immer eine etwas masochistische Ader. Vielleicht finde ich auch desswegen so grossen Gefallen an einer Kultur in der sich die Frauen den Maennern unterwerfen und sich selbst und ihre Traeume aufgeben sobald sie mal einen Braten in die Roehere geschoben bekommen haben.
Auf jeden Fall verlief eigentlich alles wie geschmiert um nicht zu sagen perfekt. In Istanbul angekommen legte ich mich erstmal fuer einen kleinen Powernap im Hostel hin num danach etwas durch die Strassen zu schlendern und an jeder Ecke was zu Essen. Wie schon so viele male zuvor liess ich mich wider auf einen Cay bequatschen und folgte dem Herrn in einen Teppichladen um die Ecke. Das ist immer eine gute Moeglichkeit um umsonst Tee zu trinken und wenn man ablehnt sind die Haendler auch immer so beleidigt also geh ich bei einem von drei jeweils auf einen kurzen Smalltalk und einen Cay in ihren Laden. Als ich wieder auf der Strasse war strahlte mich ein junger Herr an und begruesste mich. Ich setzte mein charmantestes kleines Maedchen Laecheln auf und fragte mich sogleich wesshalb. Bei genauerem Hin sehen sah ich, dass ich diesen jungen Herrn kannte. Die Haare waren anders aber er war es zweifels los. Deniz arbeitete im Hostel als ich vor einem Jahr hier war. Damals waren wir beide betrunken und haben uns gekuesst. Am nachsten Tag war es uns beiden peinlich und somit zeigten wir uns gegenseitig die kalte Schulter. Aber jetzt strahlten wir uns nur beide an. Der Zufall, das wir uns ein Jahr spaeter in einer der groessten Staedte der Welt mal eben so per Zufall auf der Strasse begegneten hielt ich dann irgendwie doch fuer Schicksal. Deniz lud mich auf eine Tasse Cay ein und wollte wissen was ich hier mache. Ich erzaehlte ihm ich sei hier auf Arbeitssuche. Diesen Entschluss hatte ich erst Minuten vorher gefasst und frag mich jetzt keiner Warum! Ein Plan halt.
Er war wirklich der Beste, ueberlegte wirklich angestrengt wie er mir helfen koennte. ging mit mir Jobs durch, schaute mit mir im Internet Annoncen durch und legte fuer mich sogar ein Profil auf einer tuerkischen Stellenseite an. Er wollte mich ab heute bei sich wohnen lassen solange ich moechte und zudem wollte er mir eines seiner Handys schenken damit ich fuer die Jobsuche erreichbar und mit ihm in Kontakt bleiben kann solange ich bei ihm wohne und er in der Zwischenzeit im Sueden seine Familie besucht. Er hat mit mir ein Budget erstellt wieviel Geld ich hier monatlich brauchen wuerde und bot mir an tuerkisch bei zu bringen. Ich wuerde dafuer ca 3 bis 5 Monate brauchen. Im Gegenzug sollte ich ihm Deutsch beibringen. Ich hatte den sechser im Lotto gezogen, wollte ich doch schon immer mal fuer laengere Zeit in Istanbul bleiben. Leider hatten wir dann aus Versehen Sex. Wobei leider eigentlich das falsche Wort ist und ein Versehen war es nun auch nicht wirklich. Wir waren nicht mal betrunken. Danach qualmten wir noch ein bisschen sein kleines Zimmer voll, schauten irgend nen Film und das Leben war schoen. Doch als ich heute morgen aufwachte verspuehrte ich auf Einmal den dringenden Wunsch das Weite zu suchen. Also versetzte ich den netten Kerl am vereinbarten Treffpunkt und fuhr stattdessen zum Busbnahnhof und da es keinen Bus mehr nach Varna gab, von wo aus ich nach Vama Veche, das kleine rumaenische Hippiedorf an der Schwarzmeerkueste gab, kaufte ich ein Ticket nach Sofia. Der einzige Weg der heute noch aus der Tuerkei raus fuehrt. Und nun sitze ich hier auf meinem verfickten Ticket nach Sofia und frage mich wann ich eigentlich genau verrueckt geworden bin. So long...see you in Sofia...
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