
Wir mussten nach Zürich. Denn was wir wollten gab es nur in Zürich, also mussten wir dahin. Natürlich hatten wir kein Geld, nicht für den Zug. Wir waren sechzehn, neugierig und hatten vor nichts Angst. Das heisst wir fuhren schwarz. Das Geld welches wir uns durch Rückgabe leerer Harassen die im Laden rumstanden ergaunert hatten brauchten wir natürlich für die Pilze.
Es war meine erste Begegnung mit der grossen Stadt. Und es war meine erste Begegnung mit Drogen. So richtig, meine ich. Ich werde diesen Tag nie vergessen, oder was ich davon noch weiss. Ich war ganz klein, ja winzig, und die Häuser waren riesig. Ich musste den Kopf nach hinten halten und in die Höhe sehen um mich zu orientieren. Willkommen in einer neuen Welt. Willkommen in Zürich. Mir wurde schnell klar: Da will ich hin.
Nach Abschluss meiner Ausbildung packte ich also mein Köfferchen und zog in die grosse Stadt. Ich packte meine Träume, Ziele und Vorstellungen aus und merkte bald, dass ich die Anleitung, wie das alles geht, vergessen hatte. Irgendwann wurde mir dann klar, dass es diese gar nicht gibt. Ich landete ein wenig unsanft auf dem asphaltierten Boden der Realität. Willkommen im Leben.
Einige Jahre sicherte ich mir nichts desto trotz meinen Stammplatz auf der Schaukel. Hoch. Runter. Hoch. Und wieder runter. Nach gut sechs Jahren gab ich auf.
Nun wohne ich wieder oben bei Mutti. In Luzern. Ich durchlaufe zurzeit gerade nochmals meine Jugend. Sequenzen von damals werden wieder sichtbar, Dinge die ich längst vergessen hatte sind auf Einmal wieder da. Hervorgerufen von bestimmten Plätzen, Busfahrten, Schulhäusern etc. Es hat sich viel verändert in der Stadt meiner Jugend, und wenn ich ehrlich bin, mochte ich sie nicht mehr sonderlich. Ich kann an einer Hand abzählen wie oft ich während der letzten sechs Jahre hier zu Besuch war. Und jedes Mal wenn ich hier war, hielt ich es kaum länger als einen Tag aus und rannte schnellst möglich wieder zurück nach Zürich.
Wenn mich früher jemand fragte wo mein zu Hause sei antwortete ich jeweils mit EIN BISSCHEN ÜBERALL.
Heute weiss ich ES IST ZÜRICH!
Da sind meine Freunde, da ist mein Leben. Und wo meine Freunde sind, da ist mein Herz. Und da ist die Musik. Die gute Musik. Und mein Herz braucht die Musik genau so wie seine Freunde. FREUNDE + MUSIK = HERZ. Die Rechnung ist einfach. Die Lösung nicht immer so ganz.
Und obwohl mein zu Hause ganz klar Zürich ist, fange ich langsam an Gefallen an der Stadt der Lichter zu finden. Ich entdecke sie gerade neu und ich schätze einige Dinge sehr. Zum Beispiel die Bars. Luzern hat echt gute Bars. Und das beste daran ist: in den Meisten kann man noch rauchen! Es gibt das kleine Schmuckstück SALÜ. An den Wänden hängen Alain Delon und Brigitte Bardot. Es dringen französische Chansons oder Musik aus den 50-er Jahren ins Ohr und Tagsüber wird Kaffee getrunken und Brioche gegessen. Und geraucht natürlich. Und Helge Timmerbergs IN 80 TAGEN UM DIE WELT gelesen. Das Beste Buch überhaupt! Ich hab noch nie so viele Zeilen in einem Buch unterstrichen. Eigentlich könnte man das ganze Buch unterstreichen, ausleuchten und ein Ausrufezeichen dahinter setzen. Oder zwei. Oder Hundert. Dieses Buch, dieser Typ, keine Ahnung wie der das Macht aber der verändert gerade grundlegend mein Leben. Und das Beste daran ist, der Typ ist über 50 und ich denke so, der Typ ist wie ich, der denkt wie ich. Der lebt wie ich leben möchte und der Kämpft immer noch mit der selben Scheisse wie ich es tue und ich bin immerhin fast halb so alt wie er. Der Typ ist seit seinem siebzehnten Lebensjahr auf dem Globus unterwegs. Mit dem willst du dich hinsetzten und du willst die Fresse halten und ihm einfach nur zuhören. Menschen wie der, die sind genau das, wofür es sich zu Reisen lohnt und wofür es sich lohnt, sich alleine in ne Bar zu setzten, denn wenn du Glück hast triffst du auf einen wie Tim. Tim der eigentlich Helge heisst, sich auf Reisen aber als Tim ausgibt weil er sonst infolge der Aussprache englisch sprechender Zeitgenossen immer Helga genannt wird. Und das mag Tim nicht. Genau so wenig wie Entscheidungen zu treffen, beispielsweise ob er nun den Zug oder den Flieger nach Kalkutta nehmen soll. Dann fragt er halt eben mal ein Guru. Der Guru ist sehr alt und war früher Bankdirektor. Fünfzig Jahre sei er dem Glück nach gerannt und habe es versucht zu mehren und das Leid zu mindern. Dann habe er es sein lassen. Weil es nicht geht. Nachdem er weitere dreissig Jahre über die Verteilung von Glück und Leid nach gedacht habe, habe er endlich einen Trick gefunden: Er versuche das Leid zu akzeptieren und wenn er feststelle, dass er es nicht akzeptieren kann, AKZEPTIERE ER DAS.
Tim wurde einiges Klar. Und mir auch. Wie dem auch sei, ich kann nur jedem nahe legen dieses Buch zu lesen!
Zurück zu den Bars...
Nächster Halt: BAR BERLIN. So abgedroschen und einfallslos der Name, umso schöner die Bar! Mit Abstand die schönste Bar die ich je gesehen habe. Nicht nur das Lokal, nein ich meine die Bar an sich. Sie besteht aus hellem Holz welches mit Stuckatur verziert worden ist und die Spiriutuosen-Wand zu einem echten Bijou macht und der Bar einen ganz speziellen Charme verleiht.
Im MADELAINE kann man Mittwochs sein Vinyl bringen und sie legen es dann auf. Natürlich kann man auch da Rauchen, und womit raucht es sich besser als mit einem guten Tropfen Rotwein? Genau, mit einem guten MALBEC!
Es gibt diese Szene in Filmen. Ein Mann (oder eine Frau) kommt in eine Bar, er setzt sich an den Tresen, bestellt einen Drink und zündet sich eine Zigarette an. Und dann beginnt der spannende Teil des Films.
Das gibts nicht nur im Film.
Das gibts sogar in Luzern.
Ja, langsam mag ich diese Stadt.
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