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Freitag, 10. September 2010

Memories




Ich glaube, ich wollte immer schreiben, um meine Emotionen, meine Eindrücke und Gefühle zu einem späteren Zeitpunkt noch nachvoll ziehen zu können. Zu schnell gerät alles in Vergessenheit. Erlebtes erlischt viel zu schnell aus unserem Gedächtnis, als hätten wir es gar nie erlebt. Ein dicker Schleier wird um die Tage der Vergangenheit gehüllt. Versuchen wir uns gewisse Erlebnisse, Zeiten oder Phasen unseres Lebens in Erinnerung zu rufen, ist es oft so, als wären wir selbst nicht dabei gewesen. Als würde uns jemand eine Geschichte erzählen.

Doch gibt es dann wiederum Melodien oder Düfte die uns eine Ahnung dessen geben, was wir in bestimmten Momenten gefühlt haben.

Waren wir glücklich?

Oft hängt man mit Wehmut vergangenen Tagen nach obwohl man Mühe hat sich zu erinnern wesshalb.

Oft scheint es in der Gegenwart besser als es in der Vergangenheit tatsächlich war.

Ich erinnere mich, dass ich eines Tages beim aufräumen ein kleines Notizbüchlein gefunden habe. Als ich es aufschlug sah ich, dass es sich um mein altes Barbuch handelte, in welches ich mir Notizen wie etwa Lieferantenbestellungen, Einkaufslisten etc gemacht habe. Ich war damals neu in Zürich, hatte meinen Job in einer Werbeagentur an den Nagel gehängt und ordentlich die Nase voll von dieser mit Stress belasteten und oberflächlichen Branche, also fing ich an in der Bar eines Theaters an zu arbeiten.
Als ich etwas weiter blätterte entdeckte ich zwischen Cocktailrezepten und To-Do Listen plötzlich einen Text den ich angeblich mal verfasst haben musste. Ich erkannte mich zu dem Zeitpunkt, etwa zwei Jahre später in diesem Text überhaupt nicht wieder. Ich konnte mich nicht erinnern das geschrieben zu haben und noch fremder war mir, WAS ich da geschrieben habe. Mir tat dieses Mädchen, dass das geschrieben hatte irgendwie leid und gleichzeitig war ich schockiert, wie ich zu dieser Zeit drauf gewesen sein musste. Ich konnte mich nicht mit diesem Mädchen von früher identifizieren, so dunkel und schwarz waren die Gedanken die ich damals hatte. Und trotzdem war ich froh, diese Zeilen gefunden zu haben, denn mir wurde auf einmal bewusst, wie schnell man vergisst.

Ähnlich ist es bei Liebesbeziehungen. Zu schnell vergisst man den Schmerz den man durch die Liebe oder was sie mit sich bringt erfahren hat. Zu schnell verblassen die Erinnerungen an die Höllenqualen die man durchlitten hat. Desswegen fallen wir auch oft in ein und das selbe Muster zurück, suchen uns die falschen Männer aus, lassen uns erneut Schmerz zufügen, ja stechen uns gar das Messer selbst ins Herz.

Würde man sich noch an den Schmerz vom letzten Mal erinnern können, würde man vielleicht vorsichtiger werden, besser abwägen. Oder ist genau das Vergessen das Gute, das Echte daran? Würden die Erinnerungen nicht so schnell verblassen, würden wir uns dann gar keiner Leidenschaft, keiner Versuchung mehr hingeben? Würden wir Gefahr laufen, uns dem möglichen Glück zu verwehren?

Ist es der natürliche Schutzmechanismus des Menschen, dass man sich an gewisse Erlebnisse nicht mehr, oder nur vage erinnern kann? Oder dient er im Gegenteil dazu unseren Hunger am leben zu halten?

Es stimmt mich irgendwie traurig, dass ich mich an so vieles in meinem Leben nicht mehr erinnern kann, etwa an die Kindheit oder an die frühe Jugend.
Wie viele Erinnerungen an deine Kindheitstage kannst du ohne Probleme aufzählen? Ich meine nicht irgendwelche Anekdoten, die dir deine Mutter oder Verwandte erzählt haben. Ich meine Sequenzen an die du dich wirklich erinnerst. Ich komme etwa auf vier.

Ist das nicht traurig?

Wenn ich mal Kinder habe werde ich ihnen sobald sie Lesen und Schreiben können, eintrichtern Tagebuch zu führen. Ich glaube sie werden es mir eines Tages danken.

Ist sie doch unser grösster Schatz, unsere Erinnerung. Was wären wir bloss ohne unsere Erinnerung? Nichts. Gar nichts. Unsere ganze Identität, unser ganzes Sein basiert auf Erinnerungen. Erinnerungen an das, was uns zu dem gemacht hat was wir sind. An uns. Unser Leben. Unser selbst. Jeder Einzelne. Für sich selbst.

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