
Heute wollte ich mir die Haare abschneiden. Es ist wiedermal soweit, ich muss mich bestrafen. Ich hasse kurze Haare. An mir jedenfalls. Meine Haare sind mein einziges Potetntial. Äusserlich. Ich mit kurzen Haaren, das ware etwa wie ein Kerl mit hautengen Röhrenjeans oder ne Tusse mit weissen Stiefeln – es sieht einfach scheisse aus!
Wie dem auch sei, ich bin mir dessen auch voll und Ganz bewusst. Absolut. Nicht dass ich das je vergessen hätte, aber ich habs nun jetzt trotzdem schon einige Male ausgeblendet und zur Schere gegriffen. Wenn ich mich von nem Typen wiedermal hab in den Arsch treten lassen, wenn ich nen Job vergeigt hab, oder weil einfach wiedermal alles nicht zum Aushalten war. Da brauchts nen Cut – wortwörtlich. Schnipp schnapp Haare ab, aus alt mach neu.
Drei Sekunden später dann die bittere Ernüchterung der vorgängigen Euphorie. Ein Blick in den Spiegel genügt und du darfst dich noch ein bisschen mehr hassen. Nicht genug, dass du dir gerade selbst den keuschheitsgürtel für die nächsten Monate oder gar Jahre(!!!) umgelegt hast, nein, was du da im Spiegel siehst ist die ganze Hässlichkeit deiner ausgekotzen Seele. Die volle Ladung. Was glaubst du wer du bist?!
Und nun schau dich an, jetzt heulst du zu allem hin noch und dein Gesicht verzieht sich als hättest du gerade in ne Zitrone gebissen und dir zeitgleich nen Baseballschläger in die Muschi gerammt. Ab diesem Anblick kommt dir dermassen das Kotzen, dass sich der ganze Schmerz, die ganze Trauer, die ganze Pein in Wut umwandelt. furchtbare, stechende, brennende Wut, direkt aus dem lodernden Feuer deiner tiefsten Abgründe.
Allmählich lässt es nach. Stück für Stück. Die Tränen, der Schmerz, die Wut. Ein dumpfes Gefühl macht sich breit und hüllt dich ein wie eine zweite Haut. Du bist müde, erschöpft. Was bleibt ist – nichts. Du fühlst nichts, dein Kopf ist leer, dein Körper ganz leicht, deine Seele – stumpf.
Im nächsten Moment könnte sich Beth Ditto auf dich legen, du würdest es nicht spüren. Du wärst vieleicht einwenig irritiert, aber du würdest keinen Schmerz empfinden. Es würde dich nicht im geringsten berühren.
Am nächsten Tag gehst du zur Arbeit als ware nichts geschehen. An die kurzen Haare würdest du dich schon gewöhnen, die wachsen ja wieder nach und überhaupt, was solls, aus Fehlern lernt man.
Die Zeit streicht ins Land und der Sommer lässt die Stadt in ihrem neuen orange-gelben Kleid erstrahlen. Leichtigkeit liegt in der Luft. Du denkst es wird alles gut jetzt. Du packst das Leben mit neuem Elan am Kragen und beginnst endlich es dir einigermassen angenehm zu gestalten, dich nicht mehr selbst verrückt zu machen. Du funktionierst. Du bist Teil von Etwas, auch wenn du eigentlich keine Ahnung hast von was und wesshalb. Aber du bist da, schwimmst mit, so gut es eben geht und ehe du dich versiehst verspürst du auf einmal so etwas wie Glück. Du erkennst es sogar. In diesem Moment. Im Nachhinein zu sagen “Im Sommer `97 war ich so richtig glücklich”, dass ist nicht schwer. Die Kunst liegt darin, das Glück in diesem Moment zu erkennen, wie einer meiner Lieblingsautoren schon sagte. Diese Erkenntnis des momentan Glücks fügt deiner Glückseeligkeit noch mehr Bedeutung hinzu. In diesem Augenblick, im Bus, auf dem Weg zum Samstagskaffee mit deinen Mädels. Ein kurzer Augenblick voller Zufriedenheit. Du glaubst auf einmal zu verstehen um was es hier eigentlich geht, um was es wirklich geht. Um Akzeptanz, um Loslassen, um nicht immer zu fordern, um nicht immer mehr zu wollen, um nicht immer zu suchen und nicht immer alles und jeden zu hinterfragen. Sondern um es einfach mal so zu nehmen wie es ist. Um mit den vorhanden Zutaten den bestmöglichsten Kuchen zu backen. Ihn mit dem Bewusstsein zu geniessen, ihn selbst gebacken zu haben, mit deinen blossen Händen, mit Liebe gemacht. Es geht um diesen verdammten Kuchen.
Dessen wirst du dir in jenem kurzen Augenblick bewusst. Diese Erkentniss katapultiert dich schlussendlich in eine Art Trancezustand vollsten inneren Friedens, dass sogar die Shaolin Mönche vor Neid erblassen würden.
Es sind diese Momente, darum gehts. Um die Kuchenmomente!
Ein halbes Jahr später findest du dich in deiner Küche wieder. Auf der Suche nach einer Schere.
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