
Als ich neulich in Istanbul war und auf den Bus wartete der mich zum Flughafen bringen sollte, machte sich plötzlich ein komisches Gefühl in mir breit. Ich wusste nicht was es war und das machte mich nervös. Auf dem Weg zum Flughafen wurde dieses Gefühl immer stärker und ich fragte mich allmählich ob ich vielleicht etwas im Hostel vergessen hatte. Ich kam nicht drauf was es war, aber ich war mir nun sicher: ich hatte irgendwas wichtiges vergessen. Am Flughafen angekommen durchwühlte ich meinen Rucksack. Alles da. Seltsam.
Trotzdem wurde ich meine innere Unruhe nicht mehr los und als ich schlussendlich im Flugzeug sass und wir die Startbahn runter bretterten und den Boden unter uns liessen dämmerte es mir allmählich. Ich hatte wirklich etwas vergessen und zwar mein Herz.
Verdammte scheisse wie konnte mir dieses verdammte Ding denn abhanden kommen? Es ist ja nicht so dass mir das noch nie passiert wäre, aber normalerweise hab ich’s bei irgend nem Typen liegen lassen und der hats mir dann früher oder später wieder zurück gebracht weil er keine Verwendung dafür hatte. Aber das hier war etwas ganz anderes. Ich hab das scheiss Ding in Istanbul vergessen, verloren, was weiss ich. Wie dem auch sei, auf jeden fall war ich ziemlich bestürzt über diese Erkenntnis, ich meine das sind nicht irgend ein Paar schmutzige Socken oder so. Hier geht es um mein Herz.
Zuhause angekommen schrieb ich einen langen Brief an mein Herz. Ich konnte es inzwischen ausfindig machen und wusste wo es sich niedergelassen hatte. Ich schrieb ihm dass es bitte ganz dringend nach Hause kommen solle, ich bräuche es doch und könne ohne es nicht leben. Ich schrieb ihm auch, dass es mir leid täte, dass ich in den letzten 25 Jahren nicht besonders Acht auf es gegeben habe und ich es besser hätte verteidigen sollen. Ich schrieb ihm eine ganze Ode und bat es sofort zu mir zurück zu kommen, ich könne ja verstehen, dass es ihm in Istanbul sehr gut gefalle und so aber schlussendlich gehören wir zusammen und schliesslich könne es ja nicht einfach ganz alleine in einem fremden Land durch die Gegend gurken.
Es vergingen zwei sehr lange Wochen, Wochen voller Trauer, Wochen voller Ratlosigkeit. Ich habe gelitten wie ein Hund. Endlich kam eine Antwort.
Mein Herz schrieb mir, dass es mich leider enttäuschen müsse, es werde nicht zu mir zurück kommen. Es habe sich in Istanbul so wohl gefühlt, es habe dort seinen Platz gefunden und ja, es müsse mir recht geben, ich hätte es wirklich all die Jahre nicht sehr gut behandelt. Nichts desto Trotz möchte es sich aber auch bei mir für die guten Zeiten die wir miteinander hatten bedanken und wir sollen doch Freunde bleiben. Dieses verdammte Arsch macht Schluss mit mir! Ich war den Tränen nahe. Wir schrieben uns noch einige hässliche Briefe hin und her und mein Herz schloss die Sache mit folgenden Worten ab:
„Liebe Stéphanie
Lass uns nicht mehr streiten. Es ist alles gesagt. Ich bleibe hier und du bleibst in deinem alten Leben. Schau, ich habe hier mein Glück gefunden. Ich habe hier all das gefunden was du mir nie geben konntest. Du solltest dich für mich freuen und nicht so egoistisch sein. Du wirst sicher bald ein altes abgenutztes Herz finden, dem es egal ist das du es zerstörst und ständig an die falschen Typen verschenkst welche es nicht zu schätzen wissen. Und anderenfalls wie gesagt, du hast die Wahl. Ich habe in Istanbul mittlerweile eine schöne kleine Bleibe gefunden, und wie ich dir auch in den letzten Briefen geschrieben habe bist du hier immer herzlich willkommen. Ich möchte dir einen Vorschlag machen liebe Stéphanie. Ich weiss, das du deinen Platz noch finden musst, desswegen schlage ich vor, das du dir die Welt anschaust und raus findest wo es dir überall gefällt. Wenn du dann einen schönen Fleck auf der Welt gefunden hast kannst du mich gerne in Istanbul abholen, aber bis dahin werde ich hier bleiben. Ich habe 25 Jahre in deinem kalten Land und deinem müden Körper verbracht und brauchte eine ganze Weile bis ich mich hier nun von all den Strapazen erholt habe. Ich werde nicht mehr dahin zurück kehren. Machs gut liebe Stéphanie, du weißt ja wo du mich findest, aber warte nicht zu lange: Auch ein Herz kann nicht ewig warten.“
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