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Donnerstag, 21. Oktober 2010

Der Dreschboden der Liebe


Ich habe über Freundschaft geschrieben, über die Stadt meines Herzens, über das Reisen, über Musik, über Glück, Entscheidungen, Schmerz, nervige Menschen, dumme Menschen, tolle Menschen. Ich habe über Wertvorstellungen geschrieben, über Dankbarkeit, über die Stock-im-Arsch-Generation, über Suchende, über Parties. Ich habe über die leidenschaftliche Selbstzerstümmelungs-Kultur geschrieben, über Emotionen und über Empathie, doch über eines habe ich nie geschrieben: Über die Liebe. Handeln doch etwa 80% aller Songs von ihr, wurden abertausende von Büchern über sie geschrieben und zig Filme gedreht. Vergeht doch kein Tag, an dem ich mir nicht den Kopf über sie zerbreche, mir nicht vorstelle, wie sie wohl ist, wie sie sich wohl anfühlt.

Die meisten Texte haue ich schnell während der Arbeit in die Tasten. Bei fast allen habe ich am Anfang des Textes eigentlich noch keine Ahnung, was ich genau schreiben will. Ich schreibe einfach mal drauf los, weil ich dieses Zucken in den Fingern verspüre oder weil mir meine Arbeit mal wieder dermassen auf den Sack geht, dass ich mir durch ein paar Worte wieder etwas Energie verschaffe. Selbsttherapie. Es geht dabei oft weniger um das Geschriebene selbst, als um die Tätigkeit zu schreiben.

Doch über die Liebe zu schreiben erschien mir immer als etwas Grosses, als etwas, dass mit Bedacht geschrieben werden muss. Man macht sich nackt, entblösst sein Innerstes. Auch dachte ich immer, über die Liebe zu schreiben sei irgendwie langweilig, wie oben erwähnt wurde sie ja schon mehr als genug wiedergekaut und schlussendlich kommt ja doch praktisch jede Liebesgeschichte auf einen gemeinsamen Nenner: Sie zerbricht.

Ich möchte hier nun aber nicht die 3824597862te Liebesgeschichte nieder schreiben. Kann ich gar nicht. Ich möchte die Liebe auch nicht analysieren, auch zu dem bin ich nicht im Stande. Die Wahrheit ist, ich feier in zwei Monaten meinen sechsundzwanzigsten Geburtstag und ich habe noch nie geliebt. Klar war ich schon diverse Male verknallt, fasziniert, was weiss ich, doch ich habe nie geliebt. Ich habe weder eine Ahnung davon, was es heisst zu lieben, noch wie es sich anfühlt, geliebt zu werden. Ja, ich liebe meine Freunde und ich werde von meinen Freunden geliebt und für diesen kostbaren Schatz bin ich unendlich dankbar. Auch für die Liebe meiner Eltern und jene meines Bruders, obwohl er diese nicht wirklich zeigen kann, weiss ich doch, dass sie da ist. Doch ich spreche hier von einer anderen Liebe. Von der Liebe zwischen Mann und Frau. Von der aufrichtigen und von tiefstem Herzen kommenden, innigen Liebe. Ich spreche von dieser Liebe, die nicht nur auf einem Abkommen, einem Kompromiss mit sich selbst basiert. Diese Liebe, die nichts mit dem Nicht-allein-sein-können zu tun hat. Ich spreche von dieser Liebe aus den Songs, den Filmen und den Büchern. Diese Liebe, die über alles hinausgeht, die grösser ist, als alles was man an Gefühlen bis anhin kannte. Nicht diese Liebe, die einem Sicherheit gibt. Ich meine diese Art von Liebe, die Menschen in den Wahnsinn treibt.

Und dann sehe ich all diese gebrochenen Menschen. Menschen, welche die Liebe zu Grunde gerichtet hat. In diesen Momenten bin ich froh, nie geliebt zu haben, nie diesen unglaublichen Schmerz eines solchen Verlustes gefühlt zu haben. Doch dann stelle ich mir selbst die Frage: was ist besser, nie geliebt zu haben, nie zu erfahren, wie sich Liebe anfühlt und dafür nicht verletzt zu werden und diesen schlimmen Schmerz zu empfinden, oder aber mit Haut und Haaren zu lieben, Achterbahn zu fahren, vom himmlischen Hoch bis hin zu den tiefsten Abgründen der Menschlichen Seele zu pendeln und dafür alles in Kauf nehmen, koste es was es wolle? Oder seit bestehen der Menschheit auch eine beliebte Variante, die Sicherheitsnummer zu wählen, die gradlinige „Liebe“, kein Rauf, kein Runter, Harmonie ohne zu grosse Emotionen, dafür nicht allein sein.

Letztere Variante kommt für mich nicht in Frage, könnte ich doch selbst nicht in den Spiegel schauen. Wurde ich gefragt, antwortete ich stets mit Variante A, doch eigentlich weiss ich, dass Variante B, also die schmerzvolle Variante, die einzig Wahre ist. Trotzdem will ich mein Glück nicht von der Liebe abhängig machen. Ich habe gelernt, allein zu sein, Dinge für mich selbst zu machen, meinem Leben einen anderweitigen Sinn zu geben und wenn ich all die Beziehungen um mich herum beobachte, bin ich selten neidisch. Es gibt wenige Beziehungen, die wirklich funktionieren. Doch sehe ich dann ein altes Ehepaar, welches immer noch die Liebe im Herzen trägt und diese sogar für mich als Aussenstehende sichtbar ist, dann kommt auf einmal die ganze Leere in mir hoch und übergibt sich direkt auf meine Füsse. Und auch wenn solche Szenen für unsere Generation eher unrealistisch sind, und ich mir selbst einrede, längst nicht mehr an die Liebe zu glauben, so wird mir doch in solchen Momentan klar, dass es einzig und allein darum geht. Um die Liebe. Unser ganzes Sein, all unser Schaffen und Tun beläuft sich schlussendlich auf die Liebe. Alles was wir machen, tun wir im entfernten Sinn doch nur deshalb, um uns für andere Menschen attraktiv und liebenswert zu machen. So schliesst sich der Kreis. Der Anfang ist das Ende.


Es ist wie Khalil Gibran sagte:

„Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann. Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie, auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet. Denn so wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich. So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich. So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern, steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit. Wie Korngarben sammelt sie dich um sich. Sie drischt dich, um dich nackt zu machen. Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien. Sie mahlt dich, bis du weiss bist. Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist. Und dann weiht sie dich ihrem heiligen Feuer, damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.

All dies wird die Liebe mit dir machen, damit du die Geheimnisse deines Herzens kennen lernst und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst. Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst, dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen. In die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen, und weinen, aber nicht all deine Tränen.“



In diesem Sinne, JA! Ich will das Echte, mit allem Drum und Dran. Ich nehme den Schmerz in Kauf. Denn wer nie geliebt hat, hat nie richtig gelebt.

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