
Ich war Vierzehn. Es war im Sommer 99. Wir waren in den Ferien in Italien und einer der Jungs mit denen wir rum gehangen sind hatte einen Ghettoblaster dabei. Bis dahin war mir höchstens 2 Pac oder Puff Daddy ein Begriff, und auch diese nur, weil der eine ins Grass gebissen hat und der andere diesen Riesenhit seinem Freund Biggie Smalls widmete, welchen ebenfalls das Zeitliche segnete. Ich kannte also nur tote Rapper und solche welche es wohl besser wären.
Bis zu diesem Sommer. Bis ich YOU GOT ME von THE ROOTS FEAT. ERYKAH BADU durch den Ghettoblaster dröhnen hörte. Da war es um mich geschehen. Ich war verliebt. Verliebt in diesen Song, verliebt in THINGS FALL APART. Verliebt in Rap. In eine Jugendbewegung die für mich bald zur Religion wurde. Ich habe nie eine Szene erlebt, die so vielfältig, so kreativ und so mächtig war wie Hip Hop. Aber auch ungemein kritisch, arrogant und besserwisserisch. Aber das kam erst später. Wie bei jeder Liebesgeschichte, sieht man die negativen Dinge immer erst später.
Ein neues Lebensgefühl war entstanden. Ich verbrachte Stunden damit, Tapes aufzunehmen und später, CD`S zu brennen. Ich konnte mich in der Musik regelrecht verlieren. Für mich war es DAS ECHTE. Für mich war Hip Hop UNITY. FAMILIE. Wir waren noch Kinder, doch fühlten uns so mächtig, so gross. Hip Hop war das Blut, dass durch unsere Adern floss. Es war weit mehr als ein paar kiffende Jungs und ein paar Schlampen die sich im Bikini auf einem Auto räckeln. Es war unser Leben.
Hand in Hand mit Hip Hop kam Natalie. Natalie und ich waren die zwei neuen in der Klasse des letzten Schuljahres. Durch sie kam ich auch mit Graffiti in Berührung. Mir fehlte zwar jegliches Talent mit der Dose umzugehn aber Natalie war fest davon überzeugt, dass alles nur eine Frage der Übung wäre. Also wurde geübt. Obwohl ich immer so kritisch war, so dass ich mich schämte, vor anderen zu zeichnen, hiengen wir zig Abende in ihrer WG rum und es wurde gezeichnet, Bier getrunken und Writerfilme geschaut. Natalie wohnte zusammen mit ihrer Schwester direkt neben einer Zuglinie am Stadtrand unseres kleinen Städtchens. Wir drei, wir hielten uns für die coolsten Mädels der Stadt. Alle anderen, ausser einigen wenigen Ausnahmen fanden wir doof. Wir nannten sie alle nur Chicks. Wie hingegen trugen allstars und airmaix, secondhand addidas Jacken und die Hosen trugen wir irgendwo unter dem Arsch. Kurz gesagt, wir waren einfach Arschcool. Dachten wir zumindest damals. Die WG wurde zum Zentrum der lokalen Writerszene (oder was davon übrig geblieben ist). Ich erlebte etwas, dass man eine verdammt geile Jugend nennt. In dieser Zeit war jeder Tag ein Abenteuer.
Es gab eine Nacht, die werde ich nie vergessen. Ich war wiedermal bei den Mädels in der WG, überhaupt war ich mehr dort als zu Hause. Es war mitten in der Nacht und Melanie (Natalies Schwester) und ich tranken Rotwein und rauchten einen Joint. Es lief diese eine WAXOLUTIONISTS Scheibe. Und dann ertönte MANUVA MC`S NACHTSCHATTENGEWÄCHS. Unser Blick haftete auf den Zuggleisen, keiner sagte ein Wort. Nur dieser Song und die Gleise. Ich glaube ich habe Hip Hop nie wieder so intensiv gefühlt wie in diesen 6.27 Minuten. Wenn es Nacht wird über deiner Stadt...
Wir sind auf jedes, und damit meine ich wirklich jedes Konzert gerannt. In der ganzen Schweiz. Natürlich hatten wir kein Geld aber wir fanden immer einen Weg. Ob wir nun Harassen klauten um das Depot der Flaschen ab zu kassieren oder ob wir mit einer Mitleid erregenden Geschichte Betteln gingen. Uns konnte nichts aufhalten. Wir gehörten zu der Sorte Konzertbesucher die irgendwo hinten in der Ecke standen und mit seeligem Gesichtsausdruck und gesenktem Kopf den Lyrics lauschten und dazu mit dem Kopf nickten. Diese Anfangszeiten wo Hip Hop noch ein Lebensgefühl war, waren etwas vom schönsten, was ich in meinem Leben bis anhin erlebt habe.
Das ist nun alles über zehn Jahre her. So wie sich Hip Hop veränderte, hab auch ich mich verändert. Ab und zu denke ich Wehmütig an diese Zeit zurück. Und ab und zu muss ich schmunzeln ab unserem damaligen Grössenwahn. Ob unserer Verbissenheit. Unseren Scheuklappen. Doch meistens zaubert mir die Erinnerung an diese Zeit ein zufriedens Lächeln auf die Lippen. Wir hatten Visionen. Wir waren Idealisten. Wir haben an etwas geglaubt, und dass hat uns zusammen geschweisst. Wir alle hatten eine Leidenschaft. Die Jungs und Mädels im Übungsraum beim Freestylen. Ich, welche ihnen mit meinen verkackten Übergängen die Instrumentals auflegte und jewils von den vielen Platten im Regal in den Bann gezogen wurde. Die Writers mit ihren Jeansjacken und dem Namen hinten drauf, welche mich immer an ODEM aus dem Buch ODEM ON THE RUN erinnerten. Die Produzenten, welche unmengen an Zeit in das Gebastel von Beats investiereten, oder auch Geduld, als ich es lernen wollte. Ich kann den ELEANOR RIGBY Sample von den BEATLES nun nach etwa acht Jahren endlich wieder hören. All diese Passion, diese Leidenschaft die die Leute in Hip Hop gesteckt haben. Das mit anzusehen hat mich, glaube ich, immer am meisten fasziniert.
Alles geht seinen Weg. Hip Hop ist den seinen gegangen, und ich den meinen. Manchmal gibt es Tage da sehe ich ihn noch kurz vorbei huschen und manchmal kann ich unter seiner faltigen Haut noch die Schönheit von damals erkennen.
ja, dieses gefühl kenne ich auch gut. schöner text.
AntwortenLöschenwow babe. hüehnerhut hoch 7! küssdi L.
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