
4. 2. 2011 - Es ist Nacht. Ich liege wach. Wie bereits in den letzten vier Naechten kann ich nicht schlafen. Die erste Nacht im Flugzeug aus mangelndem Komfort, die zweite wegen der Klimaanlage, die dritte aus Angst vor einem Vogel (wenn es denn ueberhaupt einer war, man weiss es nicht) und gestern, weil ich im Fieberwahn das Gefuehl hatte, mein Kopf wuerde gleich explodieren und mein ganzer Koerper wuerde bald in Flammen aufgehen. Ich geriet leicht in Panik, weil wir am Tag zuvor jemanden getroffen haben, der sich in Madegaskar mit Hepatitis A (Gelbsucht) angesteckt hatte und er meinte zwar die Ansteckungsgefahr sollte vorueber sein aber ja, wohl war mir trotzdem nicht. Zudem war die Klimaanlage auch noch kaputt, also heisser wirds nur noch in der Hoelle.
Jetzt ist alles wieder gut und ich fuehle mich wieder halbwegs nicht ganz normal. "It's Flu" meinte die Frau die sich als Aerztin verkleidet hatte mit strengem Blick. Nach dem ich den Bluttest abgehlehnt habe lud sie mich zur Nachkontrolle ein und entliess mich mit einem Medikamentenvorrat fuer eine ganze Schulklasse und einem wesentlich leichteren Portemonnaie.
Jetzt muss ich aufs Klo. Doch ich trau mich nicht. Oona schlaeft und Kaki - einer unser Mitbewohner - haengt gerade an der Wand. Kaki ist unsere Kakerlake. War im Preis inbegriffen. Genau so wie Fredi. Fredi war unser Gecko. Ja, er war. Leider habe ich ihn aus versehen zweimal getoetet. Fredi hatte sich einen etwas unvorteilhaften Platz zum relaxen ausgesucht. Ich hab mich schon gewundert wo er wohl gerade ist, als ich die Badezimmertuer aufriss um Oona nach dem Conditioner zu fragen, PLAP, lag er am Boden. Wer legt sich schon auf die obere Kante einer geschlossenen Tuer?! Naja, Fredi halt.
Anfangs dachten wir Fredi wolle uns nur einwenig verarschen und Tot spielen. Aber als er da nach 10 Minuten immer noch keinen Wank machte, mussten wir der Wahrheit ins Auge blicken und so stellten wir ein Glas ueber ihn, um ihn danach raus zu bringen. Als wir uns darueber stritten, wer von uns beiden denn nun diese feierliche Angelegenheit ausfueheren soll, schrie Oona ploetzlich auf. Fredi lag nicht mehr wie urspruenglich auf dem Bauch, sondern hatte nun eine aeusserst dramatische Pose auf dem Ruecken, mit gespreizten Armen und Beinen eingenommen. Er war erstarrt. Ich hatte einen Doppelmord begangen. Wir warten auf den Tag, an dem Fredis Familie sich an uns raechen wird.
Seit meiner Abreise habe ich mir oft Gedanken zum Thema ERWARTUNGEN gemacht. Ich finde Erwartungen doof. Welcher Idiot kam eigentlich eines schoenen unerwarteten Tages auf die bescheuerte Idee irgendetwas zu erwarten?! Und vor allem: WOZU?! Unerwartetes ist doch viel spannender. Und ueberhaupt: Unerwartetes kann auch nicht nicht erfuellt werden. Erwartungen hingegen schon.
Ich glaube allmaehlich, Erwartungen sind geradezu da, um nicht erfuellt-, oder zu hoch gesteckt zu werden. Sie sind fordernd. Sagt zb. jemand zu dir: "Ich erwarte von dir das und das..." hat das irgendwie immer etwas drohendes. Etwas, dass nichts mit Vertrauen zu tun hat. Missgunst. Mangelnder Glaube. Es klingt mahnend. Oder dient als Selbstschutz. Doch wie sieht ein gesunder Umgang mit Erwartungen aus?
A) zu jenen, die einem gestellt werden?
B) jene, die man selbst an andere hat?
Oft hab ich schon erlebt, dass ich dachte, oder zumindest vorgab, gar keine Erwartungen an bestimmte Personen zu haben. Entweder weil mir diese Personen keine Rechenschaft schuldig sind, oder aber weil sie mich schon zu oft enttaeuscht haben. Solche Menschen gibt es. Es gibt Menschen, an die wollen wir keine Erwartungen haben, um uns selbst zu schuetzen weil wir wissen, dass sie die Erwartungen nicht erfuellen koennen. Von diesen Menschen ist das auch keineswegs boese oder missachtend gemeint, nein, sie setzen nur unterschiedliche Prioritateten und sind sich unserer Erwartung ihnen gegenueber auch gar nicht bewusst. Wie sollten sie auch? Wir kommunizieren sie ja nicht, weil wir sie gar nicht haben wollen. Doch haben tun wir sie trotzdem. Das ist das Beschissene mit diesen verdammten Erwartungen. Ich moechte mich von ihnen loesen. Ich will ihnen keine Macht eingestehen und dann auch noch enttaeuscht sein. Am meisten vor mir selbst, weil ich nicht Herr der Lage bin. Jetzt erwarte ich schon von mir keine Erwartungen zu haben. Seht ihr worauf ich hinaus will?
Ich denke die Beschissenheit des ERWARTENS hat garantiert auch etwas mit dem darin enthaltenen Wort WARTEN zu tun. WARTEN ist ja auch einfach mal nur aetzend. Ausser, - und daran glaube ich - man ist mit sich selbst im reinen, man ist gluecklich. Gluecklich warten ist kein Thema. Und wisst ihr wesshalb? WEIL ES SICH NICHT WIE WARTEN ANFUEHLT! Bist du in Frieden mit dir, gibt es kein warten. Es gibt nur kostbare, freie Zeit, die es zu geniessen gilt.
Aber so richtiges, zaehes, auf die Uhr schauen und die Tage zaehlen, das ist beschissen. Doch oft soll sich ja warten auch ausbezahlen. Wie in der Geschichte von dem Jungen und dem Apfel. Der Junge pflueckt einen Apfel und die Mutter ermahnt ihn, er solle sich gedulden und ihn noch nicht essen. Ungeduldig wie Kinder halt so sind, isst der Junge den Apfel trotzdem. Danach kriegt er fuerchterliche Bauchschmerzen weil der Apfel noch nicht reif war. Immer wenn er in seinem Leben mit Ungeduld und damit verbundenem Warten konfrontiert wird, wird er sich an diesen einen Apfel und die Worte seiner Mutter erinnern und es wird ihm nie mehr schwer fallen zu warten.
Oder Redewendungen. Etwa GUT DING BRAUCHT WEILE. Kann sein, doch was hat das mit warten zu tun? Definier erstmal WARTEN! Fuer mich ist es wohl ein Zustand der absoluten reglosigkeit. Stillstand. Doch stehen wir jemals ueberhaupt wirklich still?
Warten kann sich also lohnen, warten beruht auf GEDULD, doch vor allem auf GLAUBEN und VERTRAUEN. Wenn ich daran glaube, dass der Bus in 10 Minuten kommt, dann werde ich warten. Doch wenn ich keine Ahnung habe, ob ueberhaupt noch einer faehrt, werde ich wohl einige Minuten warten und danach zu Fuss gehen.
Wenn wir in eine Sache vertrauen haben, ja an sie glauben, dann faellt warten nicht schwer, ja vielleicht fuehlt es sich dann genau wie beim gluecklich sein, nicht wie warten an. Aber, und hier kommt die Gefahr: Wenn wir auf etwas vertrauen, an etwas glauben, dann traegt das automatisch wieder diese bloeden ERWARTUNGEN mit sich. Sind wir durch den GLAUBEN und das VETRAUEN auch noch so frei, legen sich die ERWARTUNGEN wie FESSELN um unsere Knoechel. Sie machen aus uns Sklaven unserer Selbst. UND FICKEN KANN MAN SIE AUCH NICHT. Und meinem momentanen Living la vida loca Mood entsprechend: Essen auch nicht.
ESSEN. FICKEN. SCHLAFEN.
Mehr erwarte ich gar nicht.
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