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Montag, 29. November 2010

Rotweinphilosophie


Ich kann nicht schlafen. Also tue ich was Bukowski tun würde. Ich trinke. Ich trinke Rotwein, rauche wie ein Loch und denke über mein Leben nach. Ich denke über das vergangene Jahr nach und ich analysiere was sich alles verändert hat. Die Antwort ist: Es hat sich rein gar nichts verändert. Und dennoch ist alles anders. Seit Jahren hab ich das Gefühl, dass sich das Rad einfach nicht mehr weiter dreht. Ich begehe die selben Fehler zum x-ten Mal, ich bin meinen Zielen und Träumen keinen Schritt weiter gekommen und Dinge die ich einst liebte und mich am Leben erhielten sind nun Dinge geworden, die ich zutiefst verabscheue. Grundlegende Dinge. Mein Beruf zum Beispiel. Meine ewige Rastlosigkeit. Meine Gedanken. Was einst eine meiner lieblings Beschäftigung war – meinen Gedanken nach zu hangen – bringt mich heute um meinen Schlaf. Wenn ich keine Probleme mit einschlafen hab dann kann ich sicher sein, dass ich mitten in der Nacht aufwache und nicht mehr einschlafen kann. Was ich früher als luxus sah – mich in meine eigene Welt zu flüchten – wirkt heute zunehmend apatisch.

Wieso trinken eigentlich alle immer nur Rioja und Primitivo? Ich möchte an dieser Stelle mal an den Blauburgunder appellieren. Auch wenn zurzeit keiner Stolz auf die Schweiz ist muss man doch mal sagen, dass wir nen echt guten Wein haben. Speziell der Zürcher Staatsschreiber Wein. Schweizer Wein wird total unterschätzt. Aber das ist wohl eine typische Krankheit des Menschen: Immer zu weit suchen. Zu weit denken. Man muss uns zuerst eins auf die Fresse hauen damit wir mal die Augen öffnen.
Passend dazu trinke ich heute einen Kroaten. Der Balkan wird ja auch immer gerne unterschätzt. Die haben aber echt tollen Wein!

Ich versuche nun gerade mich an meinen grössten Glücksmoment in diesem Jahr zu erinnern. Er scheint mir so weit weg und ich erinnere mich nur noch vage, was ich damals gefühlt und empfunden habe. Ich erinnere mich, nach Adjektiven gesucht zu haben, damit ich mich später mal genau an diesen Moment erinnern kann. Sie fallen mir nicht mehr ein. Das Einzige was noch an nährend besagtes Glücksgefühl wieder geben kann ist FREIHEIT. Ich dachte an Freiheit. Es war ein Samstag. Ich war auf meiner Reise in der Türkei. Ich war am Meer und habe mir ein Fahrrad gemietet und bin durch die Gegend der Küste entlang gefahren. Musik im Ohr und der Wind in den Haaren. Bei einem Strand welcher mit einem Sportstand ausgerüstet war wollte ich eine Pause einlegen. Dort wurde ich mit offenen Armen empfangen und zu einer gratis Katameran-Fahrt eingeladen. Und da draussen, weit draussen auf dem Meer, als ich dieses Seil in den Händen hielt und wir dem Horizont entgegen gleiteten, ganz nah am Wasser, da sagte ich zu mir selbst: An diesen Moment wirst du dich immer erinnern. Das ist der schönste Tag deines Lebens. Und das schönste daran: ich war alleine. Ich war im Frieden mit mir selbst. Ich war glücklich. Einfach so. Alles andere erschien mir so belanglos. Da waren nur ich und meine Gedanken. Und die waren gut. Die waren verdammt gut. Ich habe wahres Glück empfunden. Es gehörte mir allein und das wichtigste: Es war von niemand anderem abhängig. Ich glaube das ist das wahre Glück. Wenn man so im Einklang mit sich selbst ist, dass Glück allein daraus entstehen kann, weil man einfach zufrieden mit sich und dem Moment ist. Und dass man dafür dankbar sein kann. Dankbar ein neues Level erreicht zu haben und du nimmst dir vor dich mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren, dich nicht immer selbst in den Wahnsinn zu treiben und Glück einfach mal passieren zu lassen. Du nimmst dir vor, den Gedanken, dass man sich sein Glück zuerst verdienen muss ab zu legen. Du fragst dich, wieso du immer alles so schwarz gesehen hast, wieso du dir immer das Leben selbst zur Hölle machst und du kannst beim besten Willen nicht nachvollziehen warum du nicht immer so glücklich warst.

Einige Monate später kannst du dich nicht mehr in diesen einen Glücksmoment hinein fühlen. Du kannst darüber berichten, aber du kannst ihn nicht mehr fühlen.

Die Zeit vergeht so schnell und innerhalb einiger Sekunden kann sich dein Leben grundlegend verändern. Durch falsche Entscheidungen, verpasste Busse, gesagte Worte und nicht gesagte Worte. Wir hangen der Vergangenheit nach und zerbrechen uns den Kopf über verpasste Chancen, gescheiterte Beziehungen, falsche Entscheidungen und den ganzen Lauf der Dinge. Doch machen all diese Sachen uns zu dem was wir sind. Doch wollen wir so sein wie wir sind? Dient es nicht viel mehr der Rechtfertigung all unserer Taten? Vielleicht. Doch auch wenn wir nicht sind wer wir sein möchten müssen wir uns dennoch selber all diese Dinge verzeihen. Tun wir es nämlich nicht, werden wir uns unser Leben lang mit den selben Hürden auseinander setzten müssen. Und wir werden wütend werden. Und Wut im Herzen zu haben ist wohl das schlimmste für einen Menschen überhaupt. Schlimmer noch als Trauer. Sie hinterlässt ein Loch im Herz. Desshalb sind diese Glücksmomente so wichtig. Auch wenn wir das Gefühlte hinterher nicht mehr nachvollziehen können. Die Gewissheit, es erlebt zu haben schöpft dennoch Hoffnung eines Tages wieder so zu fühlen wie damals.

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